- Gartengenuss
Zwergpfirsiche und –nektarinen
Foto: Flora Press/BIOSPHOTO/Frédéric Didillon
Reife, frisch geerntete Pfirsiche (Prunus persica var. persica) und Nektarinen (Prunus persica var. nucipersica) schmecken einfach köstlich. Mit ihren schmalen Blättern sowie ihren meist rosa gefärbten Blüten sind die Pflanzen außerdem sehr attraktiv. Neben den stark wachsenden Sorten, die im Erwerbsobstbau wie in Privatgärten verbreitet sind und etwa 4–6 m hoch werden können, gibt es eine Gruppe attraktiver Zwergsorten. Diese Pflanzen besitzen sehr enge Knospenabstände und können ausgepflanzt in den Boden in günstigem Klima nach langen Jahren durchaus 2–3 m hoch werden, im kalten Klima Mitteleuropas werden ihre Kronen aber meist nur etwa 1–1,5 m hoch und breit.
Die heute verbreiteten Sorten stammen vermutlich alle von Samen ab, die der Amerikaner Carl Flory 1938 aus einem Privatgarten in China mitbrachte und daheim in Kalifornien aussäte. Bei seinen Pflanzen handelte es sich um eine Ziersorte mit roten, gefüllten Blüten und weißfleischigen, aromaarmen Früchten. In den Sechzigerjahren wurde in den USA daraus eine Vielzahl an Sorten gezüchtet, die später auch Europa erreichte.
Chaos bei lizenzfreien Sorten
Die Mehrzahl der Pflanzen, die aktuell bei uns angeboten werden, gehören zu lizenzfreien Sorten, die oft ohne Sortennamen als „Zwergpfirsich“ bzw. „Zwergnektarine“ oder auf Italienisch „Pesco nano“ bzw. „Pesco noce nano“ vermarktet werden. Denn ein großer Teil der Pflanzen stammt aus Italien oder wird von Pflanzen, die aus Italien kommen, in Deutschland vermehrt.
Ein Problem bei diesen Sorten ist leider, dass sie häufig falsch etikettiert sind. So scheinen fast alle lizenzfreien Zwergnektarinen zur Sorte ‘Silver Prolific’ zu gehören, obwohl diese fast nie auf den Etiketten genannt wird, sondern die Pflanzen etwa als ‘Nectarella’, ‘Didone’, ‘Redgold’, ‘Nectapersica’ etikettiert sind.
Fotos: mauritius images/Müller/McPhoto/Alamy Stock Photos; Beltz
‘Bonanza’ nur echt mit halbgefüllter Blüte (Kreis)
Bei den Zwergpfirsichen ist das Sortiment etwas breiter: Meist werden sie als ‘Bonanza’ angeboten, aber hinter dem Etikett verbergen sich – abgesehen von der echten ‘Bonanza’ – auch viele andere Sorten. Ein Teil von ihnen scheint sortenecht zu sein (erkennbar an den halbgefüllten Blüten, Foto), der überwiegende Teil scheint aber zu einer noch nicht identifizierten, sehr spät reifenden Sorte zu gehören.
Lizenzsorten eindeutiger
Weitverbreitet sind auch die sogenannten Lizenzsorten, die nur mit Genehmigung des Lizenzgebers gegen Gebühr vermehrt werden dürfen. Ein Vorteil ist, dass die Pflanzen in der Regel sortenecht sind, dass also tatsächlich die Sorte verkauft wird, die auf dem Etikett angegeben ist. Drei Lizenzsorten liefern sehr leckere, im August reifende Früchte: ‘Amber®’ gelbfleischige Pfirsiche, ‘Diamond®’ weißfleischige Pfirsiche und ‘Rubis®’ gelbfleischige Nektarinen. Die vierte Sorte ‘Crimson®’ (auch ‘Bonfire®’ genannt) ziert durch ihr tiefrotes Laub. Ihre weißfleischigen Pfirsiche reifen allerdings sehr spät und entwickeln dadurch meist wenig Aroma.
Die „Balkon“-Pfirsiche und -Nektarinen der „Fruit Me“-Reihe sind keine zwergig wachsenden Sorten mit engen Knospenabständen, sondern solche mit normalem Wachstum, auch wenn die Anbieter nur eine Höhe von 80–100 cm voraussagen. Die Kultur im Kübel kann natürlich das Wachstum begrenzen, aber ausgepflanzt in den Boden erreichen sie die Größe ganz normaler Pfirsichbäume.
Kräuselkrankheit
Foto: lassi meony/Adobe Stock
Feuchte Witterung im Spätwinter fördert die Kräuselkrankheit.
Wenn sie ungeschützt überwintert werden und die Witterung feucht ist, erkranken die meisten Zwergpfirsiche und -nektarinen an der Kräuselkrankheit und können nach wiederholtem Befall absterben. Soweit bekannt ist, sind alle Zwergsorten sehr empfindlich gegen diesen Erreger, und im Gegensatz zu den normal wachsenden Pfirsichen gibt es keine resistenten Sorten.
Um den Ausbruch der Krankheit zu verringern und die Pflanzen am Leben zu erhalten, werden Fungizidspritzungen empfohlen. Allerdings sind solche Behandlungen bei ungünstigem Wetter oft erfolglos, und außerdem möchten Gartenfreunde in ihrem Garten keine Pflanzenschutzmittel einsetzen.
Trocken überwintern!
Noch viel zu wenig bekannt ist, dass sich die Pflanzen, sofern sie in Töpfen oder Kübeln stehen, mit geringem Aufwand auch ohne Fungizidspritzungen gesund erhalten lassen. Der Erreger der Kräuselkrankheit infiziert die Blätter noch innerhalb der Knospen ab Januar/Februar, wenn die Blattknospen sich öffnen. Dafür braucht er eine längere Feuchteperiode, wenn die fehlt, unterbleibt die Infektion. Wenn die Temperaturen dann 16 °C übersteigen, meist Ende April, wechselt der Pilz in eine Phase, in der er keinen Schaden mehr anrichtet.
Bei Pflanzen, die unter freiem Himmel im Boden wachsen, können Sie normalerweise nicht verhindern, dass die Triebe nass werden und der Erreger die Knospen infiziert. Pflanzen in Töpfen oder Kübeln können Sie jedoch über Winter unter einen Dachüberstand oder ein provisorisches Überdach stellen, sodass die Zweige auch bei Regen weitgehend trocken bleiben. In dieser Zeit sollten Sie sie nur direkt über den Ballen gießen und bei starken Frösten ihre Wurzeln durch Vlies oder Ähnliches gegen Kälte schützen. Ab Anfang Mai können die Pflanzen dann in Sonne und Regen stehen und bleiben trotzdem gesund.
Ein Gewächshaus ist zur Überwinterung weniger gut geeignet, da dort die Blüte verfrüht wird und dadurch oft die Bestäuberinsekten fehlen.
Köstliche Früchte ernten
Foto: Flora Press/Alexandre Petzold
‘Crimson®’ bildet dekorative rotlaubige Bäumchen, ihr Fruchtaroma überzeugt aber meist nicht.
Wichtig ist, Sorten zu wählen, die wirklich leckere Früchte hervorbringen, etwa ‘Amber®’, ‘Diamond®’ oder ‘Rubis®’. Ihre Früchte reifen im August zu stattlicher Größe heran, ihr Geschmack ist genauso gut wie der frischer Früchte von normal wachsenden Bäumen.
Bei den lizenzfreien Sorten ist die Lage leider etwas komplizierter. Die Früchte der am meisten verkauften Nektarine ‘Silver Prolific’ haben zwar ein sehr gutes Aroma, neigen aber zum Reißen und faulen danach, sodass die Ernte je nach Standort und Witterung oft gering ist. Die Pfirsiche von ‘Bonanza’ reifen sehr früh, ab Ende Juli, und entwickeln ein mildes, aber gutes Aroma. Häufig wird allerdings mit dem Etikett ‘Bonanza’ eine sehr spät reifende Sorte verkauft, die unter unseren Klimabedingungen nicht mehr viel Aroma entwickelt.
Ausdünnen nicht vergessen
Bei Zwergpfirsichen und Zwergnektarinen sitzen die Knospen und damit auch ihre Blüten und Fruchtansätze sehr eng beieinander, sodass ein Ausdünnen der Früchte nötig sein kann, um große, aromatische Früchte zu ernten. Es wird empfohlen, nur alle Handbreit eine Frucht stehen zu lassen.
Wegen ihrer Fruchtbarkeit neigen diese Zwergsorten zum Vergreisen und verkahlen von innen. Ein moderater Rückschnitt im Frühjahr ist daher anzuraten. Die marktüblichen Sorten sind selbstfruchtbar, Befruchtersorten in der Nähe sind also nicht nötig.
Heinrich Beltz
Landwirtschaftskammer Niedersachsen,
Niedersächsische Gartenakademie
Buchtipp zum Thema
Beltz, Heinrich: Zwerg- und Säulenobst.
2. Auflage 2023, Verlag Eugen Ulmer