- Kleingartenwesen
Integration im Kleingarten
Vereine als Bindeglieder
Foto: Roland Hermstein
Der Kleingärtnerverein „Detmerode“ hat das Projekt „Gemeinsames Gärtnern mit Flüchtlingen“ ins Leben gerufen.
Seit alters her sind Vereine Bindeglieder der Gesellschaft. Egal, ob Sportverein, Gesangsverein oder eben Kleingärtnerverein – alle Vereine sorgen dafür, dass Menschen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten zusammenkommen, sich austauschen und eine Gemeinschaft bilden. Das ist die Basis für eine funktionierende Gesellschaft.
Der Rahmen, in dem diese Vereinsgemeinschaften gebildet werden, ist z.B. in einem Fußballverein klar umrissen. Es gibt Spielregeln, an die sich jeder Spieler auf dem Platz zu halten hat. Diese Regeln sind eindeutig, unbestreitbar und von allen akzeptiert. Wer sich nicht an die Regeln hält, wird es schwer haben in seinem Verein. Wer sich freiwillig einem Sportverein anschließt, um Fußball zu spielen, muss z.B. die Abseitsregel akzeptieren.
Auch wer sich freiwillig einem Kleingärtnerverein anschließt, muss sich an Regeln und Vereinbarungen halten. Im Kleingarten sind die Regeln, auf die sich die Vereinsmitglieder verständigt haben, aber wesentlich komplexer – man kann sie nicht in einem kurz gefassten Regelwerk nachschlagen.
Es geht nicht nur darum, die Bestimmungen zu kennen, nach denen eine Parzelle am besten bewirtschaftet wird. Der Einzelgarten ist Teil einer Gemeinschaftsfläche und darf nicht isoliert betrachtet werden. Das heißt nicht nur, dass Gartenfreunde auch Gemeinschaftsarbeiten erledigen müssen, sondern dass jede Parzelle Teil des „ökologischen Systems Kleingarten“ ist. Beim Bewirtschaften des eigenen Gartens müssen so z.B. auch die Auswirkungen auf die Umwelt beachtet werden.
Integration ist keine Einbahnstraße
Hier tauchen nun aber Probleme auf. Unser Vereinsrecht ist Bestandteil des Bürgerlichen Gesetzbuches und somit eine Grundlage des sozialen Zusammenlebens. Daher ist die Zusammenarbeit und Integration in unserem Vereinsleben keine Einbahnstraße. Die Vereinsmitglieder müssen sich nicht nur auf die Neumitglieder einstellen, auch die Neumitglieder müssen sich auf Vereinsstrukturen und Vereinsleben einlassen und daran mitwirken. Wer sich einem Verein anschließt, muss dieses berücksichtigen. Er muss sich überlegen, ob die Vorteile der Mitgliedschaft in einem Verein mehr wert sind als die Nachteile, die vielleicht durch eine Änderung des persönlichen Verhaltens entstehen.
Nur wenn das Zusammenleben auf der Grundlage dieser Regeln stattfindet, kann die Vereinsgemeinschaft sich entwickeln und existieren. Besteht jeder auf seinen individuellen Eigenheiten, entsteht ein Nebeneinander und keine Gemeinsamkeit. Im schlimmsten Fall brechen unsere Vereine zusammen. Das hätte zur Folge, dass die Leistungen der Vereine für die Gesellschaft entfallen und die eingangs geschilderten Auswirkungen auf die Bevölkerung nicht mehr zum Tragen kämen.
Erfolgreich im Verein zusammenarbeiten
Zusammenarbeit funktioniert, wenn man miteinander redet und die Arbeit aufeinander abstimmt. Wenn der Gartennachbar etwas anders macht, sollte man z.B. ganz einfach nach den Gründen fragen und darüber reden, welche Auswirkungen damit verbunden sind. So entstehen Gespräche und gegenseitiges Verständnis. Die gemeinsame Arbeit im Garten stärkt auf diese Weise das Zusammengehörigkeitsgefühl. Im Kleingartenwesen wurden und werden deswegen Generationen von „Gastarbeitern“ und Migranten integriert.
Wenn die Menschen sich entschieden haben, dauerhaft an einem Ort zu leben, dann kümmern sie sich um Freizeit, Umgebung und Gemeinschaft. Jetzt entwickeln sie die Erkenntnis, dass der Kleingarten mehr ist als ein Stück Land oder ein Arbeitsbereich. Die Menschen erfahren Gemeinsamkeit, und Trennendes kann in der Zusammenarbeit überwunden werden. Verständnis für den anderen und das Vereinsleben, das es in vielen Ländern in der uns bekannten Form nicht gibt, kann erfahren werden.
Räume für Begegnungen schaffen
Zwei Beispiele sollen diesen Zusammenhang untermauern. Der Kleingärtnerverein „Schlosshof“ in Bielefeld gehört zu den Vereinen, die sich auf verschiedenen Feldern sowohl kleingärtnerisch als auch gesellschaftspolitisch engagieren. Was liegt also näher, als sich um eine in unmittelbarer Nachbarschaft des Vereins liegende Flüchtlingsunterkunft zu kümmern. Bis vor Kurzem lebten dort 120 Menschen. So lud der Verein zu Ostern Kinder und deren Angehörige ein, einen gemeinsamen Nachmittag zu gestalten. Es wurde mit den Kindern zusammen gebastelt oder Ostereier bemalt.
Fotos: Tjørnelund
Die Gartenfreunde des Kleingärtnervereins „Schlosshof“ luden Flüchtlinge aus der Nachbarschaft in ihre Gärten ein.
Trotz vorhandener Sprachprobleme wurden Kontakte geknüpft und weitere gemeinsame Aktionen, wie z.B. ein Willkommensfest, durchgeführt. Es wurde gemeinsam Kaffee getrunken oder Rundgänge durch die Kleingärten gemacht. Zurzeit wird überlegt, einer Familie eine Parzelle zu überlassen, um sie so in die Gemeinschaft zu integrieren.
Ein solches Projekt ist nicht sehr aufwändig, bietet aber die Möglichkeit, das gegenseitige Interesse zu wecken und sich näher kennenzulernen. Sie zeigt dem Flüchtling: „Ihr seid uns nicht gleichgültig. Wir können bei gegenseitigem Respekt und Berücksichtigung von Regeln Gemeinsamkeiten finden.“
Ein weiteres Beispiel für das Zusammenleben bietet der Kleingärtnerverein „Detmerode“ in Wolfsburg. Gartenfreunde haben hier das Projekt „Gemeinsames Gärtnern mit Flüchtlingen“ ins Leben gerufen. In Zusammenarbeit mit der Stadt Wolfsburg und dem Bezirksverband wurden gemeinsam Hochbeete gebaut, die von den Flüchtlingen mit vom Kleingärtnerverein gespendeten Pflanzen bestückt wurden.
Schon hier gab es interessante Anknüpfungspunkte, da die Flüchtlinge andere Pflanzen aus ihrer Heimat gewohnt sind. Sie konnten etwa ihr Wissen über Minze und viele andere Arten weitergeben. Beide Seiten konnten so ihre gärtnerischen Erfahrungen austauschen. Die Anerkennung des Wissens des jeweils Anderen stärkt Selbstvertrauen und Wertgefühl.
Trennendes benennen und überwinden
Neben solchen Beispielen beteiligen sich Gartenfreunde auch an Aktionen in ihren Stadtteilen oder Gemeinden, die das Zusammenleben aller Bevölkerungsgruppen fördern. Der Wert unserer Vereine in der Gesellschaft wird so immer wieder erhöht. Ohne diese Arbeit wären der gesellschaftliche Zusammenhalt und das Zusammenleben in unseren Gemeinden um vieles ärmer. Wir dürfen diese Arbeit nicht dadurch gefährden, dass wir Probleme beschönigen oder gar verschweigen. Trennendes kann nur überwunden werden, wenn man es auch benennt! Dies sollte auch in unserem Vereinsleben Berücksichtigung finden.
Wilhelm Spieß
Vorsitzender des Landesverbandes
Westfalen und Lippe der Kleingärtner